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  • sigizitzart

Und so fühlt sich ein Erdbeben an. Alltag in Japan.

Aktualisiert: 16. Dez. 2022


Ein persönlicher Bericht vom vergangenen Samstagabend:


Ich liege im Bett und schaue seelenruhig meine Serie. Gedanklich spekuliere ich darüber, ob Simon und Daphne, die bemerkenswert schönen Hauptdarsteller meiner (auf das Frauenbild bezogen fragwürdigen) Serie, ein Paar werden oder nicht. Plötzlich fängt das Bett an zu rütteln.

Ich bemerke „Da ist jemand unter dem Bett und rüttelt daran!“ gefolgt von der Idee „Nee, Moment…..habe ich Halluzinationen?“

Dann vibriert mein Handy wie wild und ich denke kurzfristig erleichtert: „ Achsoooo, die Handyvibration bringt das Bett zum wackeln!“ ???


Blitzschnell stürmt A. (der vorher in der Küche war) ins Schlafzimmer und ruft „RAUS HIER RAUS HIER“ und zieht mich ohne weitere Erklärung aus dem Bett.

Im ersten Moment verstehe ich rein gar nichts. Extrem erschrocken schießen mir skurrile Gedanken durch den Kopf.

Hatte A. einen Unfall? Hat er sich vergiftet? Ist jemand in die Wohnung eingebrochen?

Und rüttelt an meinem Bett?!


Dann schaue ich auf mein vibrierendes Handy, während ich aus dem Bett springe, und sehe die Erdbebenwarnung.

Das was hier in ein paar Sätzen beschreibe, ist innerhalb von ganz wenigen Sekunden passiert und durch meinen Kopf gegangen. Verrückt, was mein Gehirn sich da zusammengeschustert hat. Auf jeden Fall fühlte ich mich bedroht.

Und tatsächlich bin ich zunächst nicht auf die Idee gekommen, dass hier gerade ein Erdbeben abgeht.


A. und ich gehen also in Deckung- ganz profenssionell- unter den Esstisch;) (man könnte sich auch anders abdecken- hauptsache, man ist etwas geschützt vor eventuell runterkommenden Gegenständen).

Und dann merke ich richtig, wie die Erde sich bewegt. Oder besser gesagt: schwankt. Es erinnert mich an eine Art Karussell. Kennst du den Rollercoaster auf der Kirmes? So ein Gefühl war das für mich. Vollkommen surreal und sehr beunruhigend waren diese wenigen Sekunden, die mir sehr langatmig schienen.


Als die Erde fertig war, sind A. und ich für einen Moment rausgegangen an die Luft. Weitere Nachbeben haben wir hier nicht bemerkt.

Ich war erleichtert und musste, adrenalingeladen, kurz über meine wirklich absurden Ideen kichern, die mir kamen als A. mich polternd aus dem Bett holte.


Bespaßung ist ein Erdbeben aber keineswegs. Sondern unheimlich, willkürlich und üebrraschend.

Die anderen Leute im Gebäude, die wir draußen trafen, wirkten eher entspannt. Vielleicht sind sie mit diesen Situationen schon vertrauter.

Ich habe vor Jahren mal ein Erdbeben erlebt. In Costa Rica war das glaube ich. Oder Kolumbien? Jedenfalls ging das wirklich so schnell, dass ich es kaum bemerkt hatte.

Keine starken Schwankungen sondern nur ein kleiner Ruck.

Kein Vergleich zum letzten Samstag.


Es bedrückt und trifft mich, dass das Erdbeben in Fukushima viele Verletzte und Schäden gefordert hat. Es berührt mich anders, weil ich in der Nähe bin. Von Deutschland aus, würden diese Nachrichten sich distanzierter und nebensächlicher anfühlen. Der Nahwerteffekt. Reisen und das Leben in verschiedenen Ländern zu leben führt dazu, dass ich mich verbundener fühle. Dass Menschen aus anderen Ländern und Kulturen greifbar werden. Dass die Globalisierung aus meiner Sicht nicht nur Wirtschaft ist, sondern zu Zwischenmenschlichkeit auf der ganzen Welt führt. Eine wunderschöne Sicht auf die Welt, die ich gerne weiterempfehle.


Um die Sache hier rund zu machen: Ja, mir war und ist bewusst, dass Japan bekannt für seine Erdbebengefahr ist.

Mich hat kürzlich jemand gefragt, in wie weit das für mich ein Hindernis war, hierher zu ziehen. Das war es nicht. Natur ist höhere Macht, aber ich kann mein Leben nicht basierend auf Angst davor leben. Das würde vielleicht anders aussehen, wenn ich nicht in Deutschland aufgewachsen wäre.

Was ich erstaunlich finde ist, wie hervorragend ein Großteil der Gebäude auf Erdbeben vorbereitet ist. Und wie schnell die Kommunikation funktioniert- sodass A. und ich sofort eine Warnmeldung bekommen haben.

Menschen sind schon, Alles in Allem, ziemlich toll.


So viel also zu meiner ersten japanischen Erdbebenerfahrung. Ich werde in Zukunft häufiger aus dem Alltag in Japan berichten. Gibt es bestimmte Themen, die dich dabei besonders interessieren? Dann fühl dich eingeladen, sie mir mitzuteilen!



Sigi



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